Flavescenza dorata

Die Flavescenza dorata (dt. Goldgelbe Vergilbung, fr. flavescence dorée) ist eine Vergilbungskrankheit der Rebe. Sie wird durch ein Phytoplasma ausgelöst. Phytoplasmen sind Parasiten von Pflanzen und ähnlich wie Bakterien aufgebaut, können aber nur in der Pflanze oder dem Insekt überleben und sich vermehren. Phytoplasmen befallen viele verschiedene Pflanzen (Äpfel-, Kirschbäume, Kokospalmen, Reis) und leben dort im Phloem (Leitbahnen der Pflanze). Die Symptome werden Phytoplasmosen genannt.

Da die Phytoplasmen immer einen Wirt brauchen, werden sie durch sogenannte Vektoren übetragen. Für die Flavescenza dorata (FD) ist dafür die amerikanische Rebzikade (Scaphoideus titanus, Bild 1) zuständig, die, wie der Name schon sagt, um 1950 mit Rebholz von Amerika nach Europa eingeschleppt wurde.

Hat die Zikade das Phytoplasma einmal aufgenommen, trägt sie dieses ihr ganzes Leben und kann weitere Reben infizieren. Sowohl die Aufnahme des Phytoplasmas durch die Zikade sowie die Weitergabe an andere Reben geschieht, wenn die Zikade am Phloem saugt um sich zu ernähren.

1. Bild: Amerikanische Rebzikade - 2.Bild: Befallener Rebstock (rote Sorte) - 3.Bild: Gelbfalle

Die Verbreitung

Die FD wurde in den 1950ern zum ersten Mal in Südfrankreich entdeckt. Von dort aus verbreitete sich die Krankheit nach Norditalien und taucht seit 2000 auch in anderen französischen Regionen, der Schweiz und in Österreich auf. Im Piemont wurden die ersten kranken Pflanzen in den 1970ern gefunden, seit Ende der 1990er verbreitet sich die Krankheit sehr schnell. In Deutschland wurde die amerikanische Rebzikade noch nicht gefunden und bisher nur eine Pflanze mit FD entdeckt (2014), deren Unterlage aus Italien kam.

Die Infektion durch das Pfropfen (Verbindung einer reblausresistenten Unterlagsrebe mit dem Edelreis/der Kulturrebsorte) ist die zweite Möglichkeit neben der Übertragung durch die Zikaden. Sie geschieht, wenn infizierte Unterlagen oder Edelreise verwendet werden.

In Italien werden die Rebschulen kontrolliert und müssen Insektizide ausbringen und Gelbfallen (Bild 3) aufhängen, um die Population von Zikaden zu überwachen.

Die sicherste Methode, um gesundes Pflanzgut zu erzeugen, ist eine Heißwasserbehandlung der Setzlinge, 45 min bei 50°C. Diese ist jedoch nicht vorgeschrieben. Einigen Rebschulen ist das zu teuer und sie befürchten einen Rückgang der Vitalität der Pflanzen durch die Wärmebehandlung (weniger Ertrag). Meiner Meinung nach sollten in den stark betroffenen Regionen, wie dem Piemont, aber nur noch wärmebehandelte Reben gepflanzt werden, um so die Verbreitung einzudämmen.

 

Die Symptome

Symptome der Flavescenza dorata. 4. (Barbera) & 5.Bild (Grignolino): Rot verfärbte, eingerollte Blätter, nicht verholzte Triebe (grün) 6.-8.Bild (Chardonnay): Vergilbte, eingerollte Blätter, verwelkte Trauben.

Die Symptome der FD treten erst spätestens ein Jahr nach der Infektion auf, infizierte Pflanzen können aber auch mehrere Jahre unerkannt bleiben.

Zudem lassen sich die Symptome leicht mit anderen Krankheiten oder Nährstoffmängeln verwechseln (Schwarzholzkrankheit, Blattrollkrankheit, Magnesiummangel), durch molekulare Analysen lässt sich eindeutig feststellen, ob die Krankheit vorliegt. Diese Analysen werden zum Beispiel durchgeführt, wenn in einer bisher nicht befallenen Region Symptome gefunden werden.

Blätter der weißen Rebsorten vergilben (Bild 6), die der roten verfärben sich frühzeitig rötlich (Bilder 4 & 5). Da die Verfärbungen sowohl an den Nerven als auch in den Bereichen zwischen den Nerven vorkommen können, sind sie schwer zu definieren und von Nährstoffmangeln zu unterscheiden. Zudem rollen sich die Blätter ab Ende des Frühlings ein (Bilder 4 - 7). Die Beeren schrumpfen ein und verwelken, meist im unreifen Stadium und werden nicht gelesen (Bild 8). Die Triebe verholzen vor dem Winter nicht richtig und sind gummiartig (Bilder 4 & 5). Einige Reben erholen sich wieder, die meisten Pflanzen sterben jedoch. Zu warten, dass sich die Reben erholen ist dennoch kontraproduktiv, da sich im besten Fall etwa 30% selbst heilen. Die restlichen kranken Pflanzen dienen weiterhin als Infektionsquelle und somit der Ausbreitung.

Zudem ist es in Italien gestzlich vorgeschrieben, befallene Reben zu entfernen. Sind mehr als 30% eines Weinbergs infiziert, muss er gerodet werden.

 

"La lotta obbligatoria" - die obligatorische Bekämpfung

Bild 9: austreibende Unterlage - Bild 10: Herausreißen der Stöcke mit dem Traktor - Bild 11 & 12: entfernte Reben

Zur Bekämpfung müssen Insektizide gegen die Zikaden ausgebracht werden, einige dieser Wirkstoffe (Neonicotinoide) sind gleichzeitig sehr schädlich für Bienen und deshalb umstritten. Auch im Bioanbau sind bestimmte Insektizide erlaubt und müssen im Piemont auch angewendet werden.

Wie bereits geschrieben, müssen die befallenen Reben entfernt werden. 

Die Zikade legt ihre Eier in die Rinde der Rebstöcke, wo diese überwintern. Das Phytoplasma wird nicht auf das Ei übertragen, das heißt, die Eier sind noch nicht infiziert. Erst wenn die Zikaden im Frühjahr schlüpfen, können die Larven und später die erwachsenen Tiere das Phytoplasma von infizierten Pflanzen aufnehmen. Deshalb ist es wichtig, möglichst viele der kranken Reben im Winter, vor dem Schlüpfen, zu entfernen.

Viele Winzer verbrennen die herausgerissenen Reben. Infektionsgefahr geht von den Rebstöcken nicht aus, da die Zikaden an den grünen Blättern saugen, aber immerhin werden die in der Borke abgelegten Eier verbrannt.

Eine weitere Methode ist, die Reben bis zur Pfropfstelle (Verdickung des Stammes direkt über dem Boden) zurückzuschneiden und die Rebe neu austreiben zu lassen. Eine sehr drastische Methode (durch die große Wunde am Stamm können neue Krankheiten eindringen), die nur teilweise funktioniert. Je nachdem, wen man fragt, entweder "das beste Mittel" oder "Müll".

Nach der Lese haben wir also die kranken Reben markiert um sie im Winter herauszureißen. Das war etwas spät und die Blattsymptome waren nicht mehr so gut zu erkennen, da sich die Blätter schon natürlicherweise herbstlich verfärbten. Die Symptome an den Trieben waren aber gut zu erkennen (Bild 5).

Im November wurde mit dem Herausreißen begonnen, wobei die alten Reben sogar für den Traktor eine Herausforderung waren (Video). Wichtig ist, möglichst viel von der Wurzel zu entfernen. Sonst treibt die Unterlage, welche auch infiziert sein kann ohne Symptome zu zeigen, immer wieder aus (Bild 9). Generell sollten verwilderte Unterlagen, egal wo, herausgerissen werden, da sich an ihren Blättern auch die Reblaus vermehren kann.


Das Herausreißen der kranken Stöcke in den letzten Jahren hat den Befall schon reduziert, ganz ausrotten lässt sich die Krankheit dort nicht. Das liegt daran, dass manche infizierte Stöcke keine Symptome zeigen, dass manche Nachbarn ihre kranken Stöcke nicht entfernen. Eine bedeutende Infektionsquelle sind auch verwilderte Unterlagsreben, die sich in den anliegenden Böschungen befinden. Auch diese werden von den Zikaden angestochen und infiziert, zeigen aber nicht immer Symptome. Alle Böschungen und Wälder um das Weingut frei von diesen verwilderten Reben zu machen, ist nicht möglich.

Bild 13: Lage der Weinberge zwischen Wald und Böschungen - Bilder 14 &15: verwilderte Unterlagsreben (tragen auch das Phytoplasma, ohne Symptome zu zeigen) neben den Weinbergen

Also wird jedes Jahr Insektizid gespritzt, herausgerissen und nachgepflanzt. Wie beim Menschen kann auch die Rebe je nach Vitalität die Krankheit besser oder schlechter wegstecken. Je nachdem wie gut die Nährstoff- und Wasserversorgung, wie hoch die Belastung (Ertrag) ist, können einige Reben sich von der Krankheit erholen.