Gedicht

Der Silvaner

Stillschweigend thront er auf fränkischen Hügeln,

schüchtern verletzlich beginnt er die Zeit.

Wild wird die Fahrt und kein Mensch kann sie zügeln,

Leitsatz des Winzers: „Sei immer bereit.“

 

Niedergezogen erwacht er im Frühling,

Arme geöffnet für Wärme und Licht.

Kälte verhöhnt ihn als kraftlosen Feigling,

Warnung des Winzers: „Beeile dich nicht!“

 

Wildwuchernd rankt er auf stählernen Saiten,

maßloses Wachstum bewirkt Rauferei.

Heftende Helfer bekämpfen sein Streiten,

Trostwort des Winzers: „Im Herbst ist‘s vorbei.“

 

Achtsam erreichen die zuckrigen Trauben

Kellergewölbe im Meistergewand.

Hände, die Fülle und Reife erlauben,

Weisheit des Winzers: „Gefühl vor Verstand.“

 

Vielsagend fließt er in trockene Münder,

erdig, harmonisch, zartblumig zugleich.

Trinken genießt man, so stirbt‘s sich gesünder,

Grabspruch des Winzers: „Der Wein war sein Reich.“